Category Archives: Über das Schreiben

Von der Kunst des Überarbeitens

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Posted on 2. Februar 2017 by

Im Augenblick überarbeite ich fleißig den dritten Teil meiner Wikingertrilogie (wenn ich nicht gerade über die Überarbeitung schreibe).

Anlass genug, ein wenig darüber zu plaudern, wie dieser große, unübersichtliche Berg aneinandergereihter Wörter, Sätze, Seiten zu bewältigen ist. Da sind sinnfreie Andeutungen der Protagonisten, die niemals wieder aufgegriffen werden, lose Handlungsstränge, papierdünne Statisten, Regen, wo vormals die Sonne schien, eine Nacht, die zum helllichten Tag wird, zuckende Schultern und wandernde Augen, so weit man blickt …

Es ist ein Graus, sich das liebgewonnene Projekt, in das man soviel Zeit und Herzblut gesteckt hat, aus der Distanz zu betrachten. Anfangs war ich relativ ratlos, was ich mit diesem heillosen Durcheinander denn nun anfangen soll. Wo beginnen? An welchem Ende zuerst zuppeln, ohne, dass sich das ganze, hochkomplexe Gebilde in Wohlgefallen auflöst?

Der erste Entwurf

Inzwischen – beim nunmehr dritten Roman – habe ich so etwas wie eine Routine beim Überarbeiten entwickelt. Und die beginnt schon beim Schreiben des ersten Entwurfs. Habe ich früher Stunde um Stunde in ein und dieselbe Szene gesteckt, habe sie schon im Entstehungsprozess überarbeitet, geschliffen und vollendet, so schreibe ich heute einfach alles stumpf runter, was mir einfällt. Ich schere mich weder um Orthografie noch Formulierungen, Dialoge schreibe ich meist sogar als blankes „Gerüst“ und füge Beschreibungen, wer, was, wo tut, erst in der Überarbeitung ein.

Denn die bittere Wahrheit, die jeder Autor früher oder später erkennt, ist die: Der erste Entwurf ist sowieso scheiße. Und selbst, wenn dir eine außerordentlich brillante und mitreißende Szene im ersten Entwurf gelingt (natürlich, nachdem du sie stundenlang überarbeitet hast), dann kannst du beinahe sicher sein, dass du dich im Verlauf der Überarbeitung der Tatsache stellen musst, dass diese Szene nicht mehr zum Rest der Geschichte passt und folglich in den Mülleimer wandern wird.

Es ist so bitter wie es wahr ist. Und deswegen schreibe ich einfach, versuche, mich am Plot entlangzuhangeln und keine Handlungsstränge zu vernachlässigen. Manchmal, wenn mein Bauchgefühl mir sagt, dass es sein muss, gehe ich im Text noch einmal zurück und überarbeite einzelne Szenen inhaltlich, bevor ich weiterschreibe.

Überarbeitung, die Erste

Die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt. Den ersten Überarbeitungsdurchgang gehe ich recht zügig nach dem Fertigschreiben des Entwurfs an. Hier schaue ich hauptsächlich auf die Geschichte, das Gerüst. Ist alles stimmig? Müssen fehlende Szenen eingefügt werden? Haben die Figuren genug Tiefgang? Falls nicht, wie kann ich das ändern? Muss hier und da noch nachrecherchiert werden? usw.

In diesem Durchgang wird viel gestrichen, umgestellt und hinzugefügt. Natürlich achte ich auch hier schon auf Formulierungen, Wortwiederholungen etc., aber nicht in erster Linie. Hier geht es um das „Große Ganze“, um die Geschichte an sich. Das „Feintuning“ beginnt erst danach.

Überarbeitung, die Zweite

Nach der ersten Überarbeitung lasse ich das Ganze ein paar Wochen liegen. In dieser Zeit widme ich mich anderen Projekten, denke über eine neue Geschichte nach oder befasse mich mit Coverentwürfen, Klappentext und was sonst noch dazugehört. Oft mache ich mir auch Notizen, worauf ich in der zweiten Überarbeitung besonders achten möchte, denn die geht dann schon ziemlich ins Detail.

Mein Anspruch für die zweite Überarbeitung ist (krass gesagt) Folgender: Falls ich das Zeitliche segne, sollte die Geschichte schon so weit gereift sein, dass ich mich – im Falle einer Veröffentlichung postum durch gierige Erben – dafür nicht aus dem Grab heraus schämen muss. 😉

Klingt heftig? Hilft mir aber, wirklich auf die Details zu achten.

„Willst du das wirklich so schreiben? Ist diese Szene genauso, wie du sie haben willst? Lässt du das ohne Recherche so stehen?“ …

Es ist allzu leicht, besonders wenn man müde und lustlos ist, über „Fehlerchen“ hinwegzugehen. Nicht selten denke ich „Ach komm, du überarbeitest ja noch mal …“

NEIN. Schreib es so, wie es sein sollte. Und zwar genau JETZT.

Spätestens jetzt wird auch gnadenlos gestrichen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Dieser Durchgang dauert meist am längsten, denn ich arbeite so lange, bis mein Bauchgefühl mir sagt, dass es jetzt gut ist. Wenn ich wirklich mal nicht weiter weiß, notiere ich mir die entsprechende Stelle, um später die Betaleser gezielt danach zu fragen. Alles andere sollte nach der zweiten Überarbeitung so sein, dass ich sicher bin, es alleine und zum jetzigen Zeitpunkt ganz gewiss nicht besser machen zu können.

Betalesen

Guten Gewissens und mit dem Gefühl, etwas Erstaunliches erschaffen zu haben, gebe ich die Geschichte nun aus den Händen. Eine Gruppe lieber Menschen kümmert sich von nun an fürsorglich und liebevoll um meine frischgeschlüpfte Geschichte … Moment mal. Fürsorglich? – Ja. Liebevoll? – *hust*.

Die Betaleser schauen mit Argusaugen auf die Geschichte, zerpflücken den Plot, hauen mir Logikfehler gnadenlos um die Ohren, nerven mich mit bohrenden Fragen, auf die ich meist leider keine Antworten weiß. Was nichts anderes bedeutet als: Ich muss mich hinsetzen und die Antworten finden. Und zwar in der dritten Überarbeitung, in der die Anmerkungen der Betaleser berücksichtigt, letzte Formulierungsschlaglöcher geglättet und der eine oder andere Rächtschraipfähler gekillt wird.

Last, but not least

Ihr denkt, jetzt bin ich fertig? Weit gefehlt. Denn nun geht das Manuskript ins finale Korrektorat/Lektorat. Erst danach kommt die letzte Überarbeitung.

Anschließend muss das Buch noch als E-Book, bzw. Paperback gesetzt werden, Kapitelüberschriften gefunden und ein Vor- und Nachwort geschrieben werden. Dieser letzte Teil ist nicht zu unterschätzen (besonders das Setzen) und hat mich schon so manche Nacht gekostet. 😉

Ihr seht, ich bin gerade erst am Anfang einer sehr langen, mühsamen, aber auch spannenden Reise. Es ist ein tolles Gefühl, die eigene Geschichte reifen zu sehen. Mitzuerleben, wie nach und nach unter dem ganzen „Wortdurchfall“ der wahre Kern hervor schimmert. Wie sie erschlankt und erblüht und am Ende der Veröffentlichung würdig ist.

Ein Roman schreibt sich nicht mal eben runter. Er braucht Zeit zu wachsen und zu reifen, um seine Leser zu beglücken.

In diesem Sinne hoffe ich, euch ein weiteres Mal mit einer meiner Geschichten beglücken zu dürfen … wenn sie fertig ist. 🙂

Alles Liebe,

Eure Rebekka Mand

Die Muse und der Lektor

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Posted on 11. November 2016 by

dav

Ich liebe das Schreiben. Wenn ich schreibe, bin ich glücklich, beinahe manisch. Aber gleichzeitig hasse ich es auch, denn verdammt! Es frisst meine Zeit! Zeit, die ich für andere Dinge bräuchte. Meine Familie, Freunde, Hobbies … die Schmutzwäsche!

Meine Muse ist ein Quälgeist. Sie zerrt und fordert und jammert und mault … und wenn ich nicht springe, sobald sie ruft, verzieht sie sich verzickt in ihr Kämmerlein und ward nicht mehr gesehen. Oft für Monate. Also füttere und streichle ich das scheue Geschöpf so oft ich nur kann. Schließlich will ich nicht riskieren, dass es eines Tages seine Sachen packt und bei mir auszieht.

Wenn sie um die Ecke schaut, dann weiß ich: Es gibt kein Entrinnen. Dann kann die Schmutzwäsche sich turmhoch im Wirtschaftsraum stapeln, der Magen knurren, der Rücken schmerzen, Mann und Kinder quengeln. Wenn sie ruft: „Schreib!“, dann schreibe ich. Dann fliegen meine Finger über die Tastatur, dann schaltet sich mein Verstand aus und hinter meinen starr auf den Monitor gerichteten Augen läuft ein Film, den nur ich sehen kann, und den es für den Rest der Welt auf Papier zu bannen gilt. Dann gibt es keine Tippfehler, keine unschönen Formulierungen, keine Zweifel. Sie sieht so zart und harmlos aus wie ein Engel, aber sie ist gnadenlos.

Allzu oft geschieht dies jedoch (leider? Zum Glück?) nicht. Sie ist ein seltener Gast, meine Muse. Schaut nur ab und zu mal rein, um mich anzuspornen oder wieder auf Spur zu bringen.

Der Rest ist harte Arbeit. Quälendes Getippe und Gelösche, mühsames Herumfeilen an DER Formulierung . Ewiges Wälzen von Problemen, von Webseiten, von Büchern, um diese eine Pflanze zu finden, die zwar Bauchschmerzen verursacht, aber nicht tötet, oder herauszufinden, wie man am leichtesten jemandem die Kehle durchschneidet, um dann in dubiosen Jäger -, Schwurbler- oder Selbstmordforen zu landen, sich festzulesen, den nächsten interessanten Link zu klicken … oh, hier gibt’s 20% Rabatt auf Schuhe! … Moment, wollte ich nicht schreiben? Aber es ist schon nach Zehn und morgen muss ich wieder früh raus, naja, dann eben morgen Abend …

Meine Muse verleiht dem Schreiben Magie, aber sie braucht Futter. Und das liefere ich ihr, Tag für Tag, Abend für Abend, wenn ich übermüdet an meinem Laptop klebe und mir mühsam ein Wort nach dem anderen abringe. Und auf sie warte …

Aber auch, wenn das Schreiben die meiste Zeit harte Arbeit ist, würde ich es niemals missen wollen. Denn die wenigen glanzvollen Momente, wenn die Muse erscheint, wenn es „flowed“, sind all die Mühsal wert.

Die wahre Kunst des Schreibens kommt übrigens erst hinterher, wenn es gilt, den Text so anzupassen, dass die „magischen“ und die „erarbeiteten“ Textstellen einander gleichen, sodass es für die Leser keinen Unterschied macht, ob meine Muse vorher angeklopft hat oder nicht. Diesen Teil des Jobs erledige ich gemeinsam mit meinem inneren Lektor (der während der Musenbesuche übrigens gefesselt und geknebelt um Garderobenschrank liegt), der ein kritisches Auge auf alles wirft, was ich geschrieben habe.

Manchmal rauft er sich die Haare, wenn er liest, was meine Muse da verzapft hat … und manchmal lächelt er, wenn meine harte Arbeit ungeahnte Perlen hervorbringt.

Wie aus einer aus dem Ruder gelaufenen Idee ein Roman wurde, oder: Die Wikinger und ich

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Posted on 11. November 2016 by

 

gde_boat

Ich gestehe – mein Roman „Von den Grenzen der Erde“ entstand aus einer Laune heraus, in einer Zeit, als ich noch nicht wusste, wohin mich das Abenteuer Schreiben führen würde. Eine Tages überfiel mich diese Idee und ließ mich nicht mehr los. Es war lange bevor ich über Kinder und Hausbau nachdachte, als mein Mann und ich noch eine gemütliche kleine Dachgeschosswohnung in Münster bewohnten und ich mein druckfrisches Diplom in der Tasche hatte, ohne einen Plan, was ich nun damit anstellen sollte …

Es war Sommer. Wir saßen auf dem Balkon, hauten ein paar Würstchen auf den Grill und tranken Bier. Ich fühlte mich etwas planlos nach Fertigstellung meiner Diplomarbeit, hatte Langeweile und den Kopf voller krauser Ideen. Ich erzählte meinem Mann von Lynn, dem Mädchen mit der „besonderen Gabe“, ohne zu wissen, worin diese Gabe besteht, oder wohin sie die Geschichte führen wird.

Ich hatte eine vage Vorstellung davon, dass Lynn einen gewissen Status haben könnte, dass sie entführt wird und unter Wilden landet – um dann wieder aufzusteigen, aufgrund ihrer Gabe. Nämlich.

Wir begannen, wild zu spekulieren. Unsichtbarkeit kam ins Spiel, und Teleportation. Die „Wilden“ stellten wir uns als Germanenstamm vor.

„Och nö“, höre ich mich noch sagen, „bloß nichts Historisches!“

Aber sie ließ mich nicht mehr los, diese Lynn, und ich begann, einen Plot zu spinnen, der zunächst recht einfach gestrickt war. Ich fing damit an, germanische Stämme zu recherchieren, was sich als recht mühsam entpuppte. In diesem Zusammenhang stieß ich immer wieder auf die Wikinger.

„Abgedroschen“, dachte ich mir, schließlich zieren muskelbepackte Normannen jedes zweite Groschenromancover im Supermarktregal.

Aber je mehr ich über sie herausfand, umso mehr erkannte ich, wie wenig an den bekannten Klischees dran ist. Und ich beschloss, mit diesen Klischees zu spielen, sie gleichzeitig aufzubrechen. Eine Geschichte zu schreiben, die scheinbar vorhersehbar daherkommt und sich zu etwas ganz Eigenem entwickelt.

Im Laufe dieses Prozesses begann eine zunächst wenig bedeutsame Nebenfigur, der junge Seemann Eirik Karrsson meine Aufmerksamkeit zu fesseln.

Schließlich muss so eine Nebenfigur aufgebaut werden. Sie kann nicht aus dem Nichts einfach auftauchen und der Protagonistin zur Hilfe eilen. Also bekam Eirik seine Geschichte. Ein kleiner Nebenstrang wird erlaubt sein, sagte ich mir, und er begann auf dem thing, mit einer Gerichtsverhandlung, bei der Eirik das Schlimmste zustößt, was einem Nordmann zustoßen kann- Verbannung! Obendrein belegt seine verschmähte Liebste ihn auch noch mit einem Fluch, und so fristet Eirik seine Jahre als Geächteter, als vargr …

Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass die Begegnung mit Eirik Karsson zu einer der intensivsten, verrücktesten, fesselndsten und in den Wahnsinn treibendsten Erfahrungen zählt, die ich je gemacht habe. Mit einem Paukenschlag riss er das Ruder an sich und machte diese Geschichte zu seiner Geschichte, gab ihr eine ganz neue Wendung und sorgte dafür, dass ich nächtelang wie eine Besessene schrieb, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, was ich da tat.

Und so schrieb ich nicht nur die Geschichte von Lynn, der irischen Königstochter, die den Toten auf dem Pfad ins Jenseits folgt, sondern auch von Eirik, dem verfluchten Krieger, dem Fenrirs Atem bei jedem Schritt ins Genick bläst.

Es entstand eine, nein, es entstanden zwei Geschichten von Helden, die keine sind, von Familien, die auseinanderbrechen, von Liebe, die keine Hoffnung hat, und von einer gefährlichen Sehnsucht, die zur Sucht wird. Die Geschichte handelt von Freundschaft und Verrat. Von Liebe und Tod. Von dem Wunsch, dazuzugehören. Von Heimat. Sie handelt von Grenzen und Grenzgängern. Und sie handelt – natürlich – von Wikingern. 😉

Seither haben Lynn und Erik mich nicht mehr losgelassen. Inzwischen schreibe ich den dritten und letzten Band der Reihe, habe viele Figuren erschaffen und lieb gewonnen (und einige davon auch schweren Herzens wieder ziehen gelassen). Diese Geschichte hat mich beim Schreiben gefesselt, wie keine andere und ich bin unendlich froh, an jenem Sommerabend auf dem Balkon meinem Bauchgefühl gefolgt zu sein, ohne das es heute keine Wikingergeschichten von mir gäbe.