Die Muse und der Lektor

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Posted on 11. November 2016 by

dav

Ich liebe das Schreiben. Wenn ich schreibe, bin ich glücklich, beinahe manisch. Aber gleichzeitig hasse ich es auch, denn verdammt! Es frisst meine Zeit! Zeit, die ich für andere Dinge bräuchte. Meine Familie, Freunde, Hobbies … die Schmutzwäsche!

Meine Muse ist ein Quälgeist. Sie zerrt und fordert und jammert und mault … und wenn ich nicht springe, sobald sie ruft, verzieht sie sich verzickt in ihr Kämmerlein und ward nicht mehr gesehen. Oft für Monate. Also füttere und streichle ich das scheue Geschöpf so oft ich nur kann. Schließlich will ich nicht riskieren, dass es eines Tages seine Sachen packt und bei mir auszieht.

Wenn sie um die Ecke schaut, dann weiß ich: Es gibt kein Entrinnen. Dann kann die Schmutzwäsche sich turmhoch im Wirtschaftsraum stapeln, der Magen knurren, der Rücken schmerzen, Mann und Kinder quengeln. Wenn sie ruft: „Schreib!“, dann schreibe ich. Dann fliegen meine Finger über die Tastatur, dann schaltet sich mein Verstand aus und hinter meinen starr auf den Monitor gerichteten Augen läuft ein Film, den nur ich sehen kann, und den es für den Rest der Welt auf Papier zu bannen gilt. Dann gibt es keine Tippfehler, keine unschönen Formulierungen, keine Zweifel. Sie sieht so zart und harmlos aus wie ein Engel, aber sie ist gnadenlos.

Allzu oft geschieht dies jedoch (leider? Zum Glück?) nicht. Sie ist ein seltener Gast, meine Muse. Schaut nur ab und zu mal rein, um mich anzuspornen oder wieder auf Spur zu bringen.

Der Rest ist harte Arbeit. Quälendes Getippe und Gelösche, mühsames Herumfeilen an DER Formulierung . Ewiges Wälzen von Problemen, von Webseiten, von Büchern, um diese eine Pflanze zu finden, die zwar Bauchschmerzen verursacht, aber nicht tötet, oder herauszufinden, wie man am leichtesten jemandem die Kehle durchschneidet, um dann in dubiosen Jäger -, Schwurbler- oder Selbstmordforen zu landen, sich festzulesen, den nächsten interessanten Link zu klicken … oh, hier gibt’s 20% Rabatt auf Schuhe! … Moment, wollte ich nicht schreiben? Aber es ist schon nach Zehn und morgen muss ich wieder früh raus, naja, dann eben morgen Abend …

Meine Muse verleiht dem Schreiben Magie, aber sie braucht Futter. Und das liefere ich ihr, Tag für Tag, Abend für Abend, wenn ich übermüdet an meinem Laptop klebe und mir mühsam ein Wort nach dem anderen abringe. Und auf sie warte …

Aber auch, wenn das Schreiben die meiste Zeit harte Arbeit ist, würde ich es niemals missen wollen. Denn die wenigen glanzvollen Momente, wenn die Muse erscheint, wenn es „flowed“, sind all die Mühsal wert.

Die wahre Kunst des Schreibens kommt übrigens erst hinterher, wenn es gilt, den Text so anzupassen, dass die „magischen“ und die „erarbeiteten“ Textstellen einander gleichen, sodass es für die Leser keinen Unterschied macht, ob meine Muse vorher angeklopft hat oder nicht. Diesen Teil des Jobs erledige ich gemeinsam mit meinem inneren Lektor (der während der Musenbesuche übrigens gefesselt und geknebelt um Garderobenschrank liegt), der ein kritisches Auge auf alles wirft, was ich geschrieben habe.

Manchmal rauft er sich die Haare, wenn er liest, was meine Muse da verzapft hat … und manchmal lächelt er, wenn meine harte Arbeit ungeahnte Perlen hervorbringt.

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