Wie aus einer aus dem Ruder gelaufenen Idee ein Roman wurde, oder: Die Wikinger und ich

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Posted on 11. November 2016 by

 

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Ich gestehe – mein Roman „Von den Grenzen der Erde“ entstand aus einer Laune heraus, in einer Zeit, als ich noch nicht wusste, wohin mich das Abenteuer Schreiben führen würde. Eine Tages überfiel mich diese Idee und ließ mich nicht mehr los. Es war lange bevor ich über Kinder und Hausbau nachdachte, als mein Mann und ich noch eine gemütliche kleine Dachgeschosswohnung in Münster bewohnten und ich mein druckfrisches Diplom in der Tasche hatte, ohne einen Plan, was ich nun damit anstellen sollte …

Es war Sommer. Wir saßen auf dem Balkon, hauten ein paar Würstchen auf den Grill und tranken Bier. Ich fühlte mich etwas planlos nach Fertigstellung meiner Diplomarbeit, hatte Langeweile und den Kopf voller krauser Ideen. Ich erzählte meinem Mann von Lynn, dem Mädchen mit der „besonderen Gabe“, ohne zu wissen, worin diese Gabe besteht, oder wohin sie die Geschichte führen wird.

Ich hatte eine vage Vorstellung davon, dass Lynn einen gewissen Status haben könnte, dass sie entführt wird und unter Wilden landet – um dann wieder aufzusteigen, aufgrund ihrer Gabe. Nämlich.

Wir begannen, wild zu spekulieren. Unsichtbarkeit kam ins Spiel, und Teleportation. Die „Wilden“ stellten wir uns als Germanenstamm vor.

„Och nö“, höre ich mich noch sagen, „bloß nichts Historisches!“

Aber sie ließ mich nicht mehr los, diese Lynn, und ich begann, einen Plot zu spinnen, der zunächst recht einfach gestrickt war. Ich fing damit an, germanische Stämme zu recherchieren, was sich als recht mühsam entpuppte. In diesem Zusammenhang stieß ich immer wieder auf die Wikinger.

„Abgedroschen“, dachte ich mir, schließlich zieren muskelbepackte Normannen jedes zweite Groschenromancover im Supermarktregal.

Aber je mehr ich über sie herausfand, umso mehr erkannte ich, wie wenig an den bekannten Klischees dran ist. Und ich beschloss, mit diesen Klischees zu spielen, sie gleichzeitig aufzubrechen. Eine Geschichte zu schreiben, die scheinbar vorhersehbar daherkommt und sich zu etwas ganz Eigenem entwickelt.

Im Laufe dieses Prozesses begann eine zunächst wenig bedeutsame Nebenfigur, der junge Seemann Eirik Karrsson meine Aufmerksamkeit zu fesseln.

Schließlich muss so eine Nebenfigur aufgebaut werden. Sie kann nicht aus dem Nichts einfach auftauchen und der Protagonistin zur Hilfe eilen. Also bekam Eirik seine Geschichte. Ein kleiner Nebenstrang wird erlaubt sein, sagte ich mir, und er begann auf dem thing, mit einer Gerichtsverhandlung, bei der Eirik das Schlimmste zustößt, was einem Nordmann zustoßen kann- Verbannung! Obendrein belegt seine verschmähte Liebste ihn auch noch mit einem Fluch, und so fristet Eirik seine Jahre als Geächteter, als vargr …

Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass die Begegnung mit Eirik Karsson zu einer der intensivsten, verrücktesten, fesselndsten und in den Wahnsinn treibendsten Erfahrungen zählt, die ich je gemacht habe. Mit einem Paukenschlag riss er das Ruder an sich und machte diese Geschichte zu seiner Geschichte, gab ihr eine ganz neue Wendung und sorgte dafür, dass ich nächtelang wie eine Besessene schrieb, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, was ich da tat.

Und so schrieb ich nicht nur die Geschichte von Lynn, der irischen Königstochter, die den Toten auf dem Pfad ins Jenseits folgt, sondern auch von Eirik, dem verfluchten Krieger, dem Fenrirs Atem bei jedem Schritt ins Genick bläst.

Es entstand eine, nein, es entstanden zwei Geschichten von Helden, die keine sind, von Familien, die auseinanderbrechen, von Liebe, die keine Hoffnung hat, und von einer gefährlichen Sehnsucht, die zur Sucht wird. Die Geschichte handelt von Freundschaft und Verrat. Von Liebe und Tod. Von dem Wunsch, dazuzugehören. Von Heimat. Sie handelt von Grenzen und Grenzgängern. Und sie handelt – natürlich – von Wikingern. 😉

Seither haben Lynn und Erik mich nicht mehr losgelassen. Inzwischen schreibe ich den dritten und letzten Band der Reihe, habe viele Figuren erschaffen und lieb gewonnen (und einige davon auch schweren Herzens wieder ziehen gelassen). Diese Geschichte hat mich beim Schreiben gefesselt, wie keine andere und ich bin unendlich froh, an jenem Sommerabend auf dem Balkon meinem Bauchgefühl gefolgt zu sein, ohne das es heute keine Wikingergeschichten von mir gäbe.

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